CACTUS

 

Armutsorientiertes Bildungsprojekt in Mexiko

Kurzinformation (Gerhard Kruip)

(Ostern 2001)

 

Zur Geschichte und den konzeptionellen Grundlagen des Projekts

 

Der Kontakt zu diesem Projekt entwickelte sich auf der Basis einer persönlichen Bekanntschaft zu einem mexikanischen Ordensmann und Theologen namens Antonio González, den ich 1978 während meines Studiums in Paris kennen gelernt hatte. Im Rahmen eines theologischen Forschungsprojektes besuchte ich dann von Oktober 1982 bis Juni 1983 Mexiko und lebte während meines Aufenthaltes dort überwiegend in einem Haus der Kommunität von Maristen-Schulbrüdern, der auch Antonio González angehörte. Die Arbeit dieser Maristen in "Golondrinas" und "Barrio Norte" im Elendsgürtel von Mexiko-Stadt hat meine Frau und mich sehr beeindruckt, besonders wie sie sich selbst der Situation der Armut in diesem Elendsviertel aussetzten, wie sie dadurch den Alltag der Armen kennen und verstehen lernten und auf dieser Basis sehr behutsam Anstöße gaben, damit die Menschen begannen, sich zu organisieren, sich gegenseitig zu helfen und für ihre Rechte zu kämpfen.

 

Mexiko gehört zwar im globalen Maßstab hinsichtlich makroökonomischer Daten wie Bruttosozialprodukt pro Kopf zur „Mittelklasse“ der Welt. Die Situation in Mexiko ist aber durch eine extreme Ungleichheit der Verteilung von Einkommen und Vermögen gekennzeichnet. Besonders auf dem Land sind die Menschen oft sehr arm und versuchen ihr Glück in den großen Städten. Deshalb gibt es in der Hauptstadtmetropole (insgesamt ca. 25 Millionen Einwohner) riesige Elendsviertel, in denen die Menschen eng aufeinander unter teilweise sehr schwierigen Bedingungen leben (primitive „Häuser“, fließendes Wasser und Strom oft erst Jahre nach ihrer Ansiedlung, meist noch heute keine Kanalisation und keine Abfallentsorgung). Ganz ähnliche Verhältnisse findet man in den Hauptstädten der mexikanischen Bundesstaaten, die ebenfalls schnell wachsen.

 

Konzeptioneller Ausgangspunkt der Arbeit dieser Ordensleute mit den armen Elendsviertelbewohnern war die Einsicht, dass letztlich nur „Hilfe zur Selbsthilfe“ nachhaltige Entwicklungsprozesse auslösen kann und dabei der Bildungs- und Erziehungsarbeit der wichtigste Faktor ist. Zunächst umfasste die Arbeit Alphabetisierungsprogramme, die Begleitung von Basisgemeinden und den Aufbau einer Selbstorganisation der Elendsviertelbewohner. Mit dem Geld, das 1983 anlässlich meiner Heirat mit Rosemarie Griebel zusammenkam, wurde in "Barrio Norte" ein Grundstück gekauft, auf dem nach und nach ein Soziales Zentrum mit einer kleinen Bibliothek, einem Genossenschaftsladen und einer Arztpraxis errichtet wurde. Von den Spendengeldern aus Deutschland konnte 1986 ein Kleinlastwagen gekauft werden, der vor allem dem Genossenschaftsladen als Transportmittel zum Einkauf der Waren diente.

 

Die Maristen-Kommunität hat sich 1985 aufgelöst. Luz Elena Moctezuma, die als Pädagogik-Studentin schon 1982 im Projekt mitgearbeitet hatte, und Antonio González entschlossen sich jedoch, die Arbeit fortzusetzen, zusammen mit einer Reihe von Personen, die sich seit längerem im Projekt ehrenamtlich engagiert hatten. Bald danach heirateten Luz Elena und Antonio. 1986 waren sie bei uns in Deutschland zu Besuch und haben sehr eindrücklich von der Situation in Mexiko berichtet. 1987 wurde auf dem Grundstück in Barrio Norte ein Kindergarten erbaut, wobei auch Gelder von "Brot für die Welt" für die Baumaßnahmen eingeworben werden konnten. CACTUS half bei der Ausbildung von Frauen aus dem Viertel zu Kindergärtnerinnen.

 

Als Luz Elena und Antonio ihr erstes Kind bekamen, zog es sie 1989 u.a. wegen der furchtbaren Luftverschmutzung aus Mexiko-Stadt fort. Sie gingen in den südwestlichen Bundesstaat Oaxaca und begannen mit dem Aufbau einer ähnlichen Arbeit in Oaxaca-Stadt und der nahegelegenen, überwiegend noch von „Indígenas“ bewohnten Kleinstadt Ocotlán, wobei zunächst die Erwachsenenkatechese in mehreren Pfarreien und die Fortbildung pastoraler Mitarbeiter/innen in Zusammenarbeit mit der diözesanen Kommission für Indianerpastoral im Mittelpunkt stand. Bis 1995 wurde jedoch auch die Arbeit von Trino de Ave und des Kindergartens in Barrio Norte sowohl finanziell wie personell weiter unterstützt. Auch heute noch hat CACTUS gute Kontakte zu Barrio Norte, wo das Soziale Zentrum weiter besteht und der Kindergarten weiterhin ca. 60 Kinder betreut.

 

In Ocotlán erwuchsen aus der Erwachsenenkatechese mehrere weitere Initiativen: v.a eine Genossenschaftssparkasse zur Vergabe von sogenannten Mikrokrediten (Caja Popular), ein Gesundheitsprojekt und ein mit Hilfe einer Spende der mexikanischen Firma DESC groß angelegtes ökologisches Projekt, in dessen Rahmen 1993/94 in Ocotlán, wo großer Wassermangel herrscht, eine Serie von Trockenklosetts errichtet wurden, die weiterhin in Funktion sind. Seit 1996 wurde an einem Kindergartenprojekt ("Niláhui") in Ocot­lán gearbeitet, das 1998 weitgehend fertiggestellt werden konnte. Ein Teilnehmer der Erwachsenenkatechese ist 1998 in den bislang saubersten Wahlen des Ortes als Kandidat der "Partei der Demokratischen Revolution" (PRD) gegen die Vormachtstellung der PRI zum Bürgermeister von Ocotlán gewählt worden, was CACTUS und die Mitglieder dieses Vereins natürlich sehr gefreut hat.

 

 

Zur Verwendung der Spendengelder

 

Die von uns nach Mexiko gesandten Gelder (jährlich kommen zwischen DM 20.000 und 25.000 von einer Gruppe von ca. 40 Unterstützern/innen zusammen) wurden hauptsächlich dazu verwandt, durchschnittlich 4-5 Projektmitarbeitern/innen von CACTUS (unter ihnen Luz Elena und Antonio sowie die Kindergärtnerinnen zuerst in Barrio Norte, dann in Ocotlán) monatlich etwas mehr als den gesetzlichen Mindestlohn zu bezahlen (derzeit ca. DM 400/Monat), um ihnen so die Projektarbeit überhaupt zu ermöglichen. Auch wurden didaktische Materialien, die Teilnahme an Fortbildungskursen und damit in Zusammenhang stehende Fahrtkosten bezahlt. Ein Teil des Geldes floss in den Kauf der genannten Grundstücke, den Bau der Sozialen Zentren in Barrio Norte und des Kindergartens in Ocotlán sowie in eine Anschubfinanzierung für die Genossenschaftssparkasse. Das Grundstück für den Kindergarten in Ocotlán wurde CACTUS von einem ortsansässigen Tankstellenbesitzer geschenkt. Antonio und Luz Elena können mit ihren inzwischen drei Kindern natürlich nicht allein von unserem Zuschuss leben. Sie verdienen sich darüber hinaus ihren Lebensunterhalt durch Publikationen (v.a. katechetische Literatur), Kurse zur Persönlichkeitsentwicklung in einigen Firmen und über mehrere Jahre hinweg in den Sommermonaten durch pastorale Mitarbeit in der Seelsorge der "Hispanics" in der US-amerikanischen Diözese Wilmington. Im Wahljahr 2000 wurde Antonio González überdies in die Wahlkontrollkommission des Bundesstaates Oaxaca zur Kontrolle der (in diesem Jahr erstmals wirklich demokratischen) Präsidentschaftswahlen in Mexiko berufen.

 

Für die Arbeit von Antonio und Luz Elena, die unser volles Vertrauen genießen, ist es ein großer Vorteil, durch diese Unterstützung mit einem regelmäßigen Zuschuss rechnen zu können, ohne jedes Mal in aufwendiger Weise neue Projekte auszuarbeiten und komplizierte Anträge zu schreiben. Um so mehr Zeit und Kraft können sie der eigentlichen Arbeit widmen. Mit unserer verlässlichen Unterstützung stellen wir die Basis sicher, auf der aufbauend dann im Falle besonderer Notwendigkeiten Projektanträge für Zusatzmittel (z.B. bei Brot für die Welt oder dem mexikanischen Unternehmen DESC) gestellt werden können. Im November eines jeden Jahres erhalten wir einen ausführlichen spanischen Jahresbericht, aus dessen Informationen wir unseren Weihnachtsrundbrief zusammenstellen.

 

Eine steuerabzugsfähige Spendenquittung kann ausgestellt werden.

 

 

Aktuelle Projektschwerpunkte:

Genossenschaftssparkasse und Kindergarten in Ocot­lán

 

Ich habe sowohl die Genossenschaftssparkasse wie den Kindergarten im Februar 2001 besucht und konnte mich davon überzeugen, wie gut diese Projekte funktionieren und wie sinnvoll unsere finanziellen Mittel dort eingesetzt werden.

 

Die Genossenschaftsbank, die sich einem landesweiten Netzwerk von „Cajas Populares“ angeschlossen hat, hat inzwischen über 1500 Mitglieder und verfügt über ein eigenes Gebäude mit kleiner Schalterhalle, Büroräumen und einem Versammlungsraum, der auch anderen Initiativen und Vereinen zur Verfügung gestellt werden kann. Die Mitglieder erwerben einen Geschäftsanteil von ca. DM 100,- und können Sparguthaben eröffnen. Die Summe der Einlagen beträgt derzeit umgerechnet knapp 2 Millionen DM. Wenn mindestens zwei weitere „Genossen“ bürgen, kann man gegen günstige Zinsen einen Kredit bis zur dreifachen Höhe des Geschäftsanteils und des eingebrachten Sparguthabens aufnehmen. Dank dieser sozialen Kontrolle ist die Rückzahlungsdisziplin wesentlich höher als bei den Privatbanken. Die Kredite werden für kleinere Anschaffungen benutzt (z.B. Kühlschrank), für kleine Bauvorhaben (z.B. Austausch einer Dachbedeckung aus Plastikfolie gegen ein Eternitdach) oder Investitionen für die vielfach ausgeübten Kleingewerbe (z.B. Kauf von Stoffen und Fäden für Web- oder Stickarbeiten). Damit sind diese Kredite eine echte Hilfe für die Armen, die ansonsten keinerlei Zugang zu Krediten hätten, allenfalls von „Kredithaien“ ausgebeutet würden. Die Genossenschaftssparkasse braucht inzwischen keine finanzielle Unterstützung mehr, es kann sogar erwartet werden, dass sie mittelfristig selbst in der Lage sein wird, soziale Projekte zu „sponsern“. Antonio und Luz Elena arbeiten aber in Bildungsmaßnahmen mit, die die Bank für ihre Mitglieder durchführt.

 

Anders als die Genossenschaftsbank wird sich der Kindergarten nie vollständig selbst tragen. Die Familien sind zu arm, um über das „Schulgeld“ sämtliche Kosten zu finanzieren. Deshalb habe ich zugesagt, dass wir weiterhin die monatlichen Gehälter der Kindergärtnerinnen übernehmen. Außerdem ist das Gebäude mit den drei Gruppenräumen noch nicht ganz fertig: Die Wände müssten noch verputzt werden. Außerdem ist ein größerer Gemeinschaftsraum und eine Gestaltung des Hofes vor dem Gebäude geplant. Im Moment besuchen 45 Kinder den Kindergarten Niláhui, der als Montessori-Kindergarten konzipiert ist. Die drei Erzieherinnen machen eine gute Arbeit. Sie betreuen die Kindergruppen, basteln zusammen mit den Eltern die Spielsachen und sorgen für eine Erziehung zu mehr Selbstbewusstsein, Selbständigkeit und Solidarität. Die Kinder bekommen auch eine Mahlzeit und helfen bei deren Vorbereitung mit, so dass sie viel über gesunde Ernährung lernen. Gerade im Vorschulalter ist ja eine anregende Lernumgebung, die Erfahrung der Mitgliedschaft in einer Gruppe und des Angenommen-Seins durch Erwachsene für die kindliche Entwicklung besonders wichtig. Die Erzieherinnen koordinieren die vierzehntägigen Elternabende, auf denen mit den Eltern wichtige Bewusstseinsbildungsarbeit zu Fragen der Erziehung, der Gesundheit und der Ernährung geleistet wird. Einmal pro Woche finden Treffen mit Luz Elena zur Planung der weiteren Arbeit und zur gemeinsamen Besprechung von Problemfällen aus der Erziehungsarbeit statt.

 

 

Zukunftspläne

 

Von allen bisher verwirklichten Projektteilen haben sich die Kindergärten als die Aktivitäten erwiesen, die den nachhaltigsten Nutzen erbringen. Eine gute Vorschulerziehung setzt die Kinder in den Stand, auch in der Schule gute Leistungen zu erbringen und später einen Beruf zu erlernen, der ihre Chancen auf ein menschenwürdiges Leben erheblich steigert. Die begleitende Elternarbeit trägt ebenfalls dazu bei, dass die Eltern ihre Kinder besser fördern. Vielfach erhalten durch die Kindergärten sogar die Eltern selbst den Anstoß, noch einmal zur Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen. Von allen Entwicklungsexperten wird in der letzten Zeit wieder stärker betont, welch große Bedeutung der „Humankapitalbildung“ für die Entwicklung zukommt (vgl. entsprechende Berichte der Weltbank usw.).

 

Auf der Basis der gesammelten Erfahrungen und dank der erreichten weitgehenden Selbständigkeit der bisher aufgebauten Kindergärten in Barrio Norte und Ocotlán möchten Antonio und Luz Elena nun daran gehen, weitere Kindergärten an Orten in Oaxaca oder der Umgebung aufzubauen. Erste dementsprechende Pläne gibt es in Etla und in einer Pfarrei in Oaxaca. Da der mexikanische Staat private Kindergärten in keiner Weise finanziell unterstützt (das Netz staatlicher Kindergärten jedoch gleichzeitig absolut ungenügend ist), lassen sich diese Projekte jedoch nur verwirklichen, wenn zumindest für die nächsten Jahre eine Finanzierung der laufenden Kosten (v.a. der Gehälter der Kindergärtnerinnen) durch Spendengelder sichergestellt wird. Im Vertauen darauf, dass es mir gelingt, entsprechende Spenden zu sammeln, habe ich eine solche Unterstützung in Aussicht gestellt. Langfristig werden Antonio und Luz Elena versuchen, eine Stiftung „CACTUS“ aufzubauen mit einem Stiftungskapital, aus dessen Erträgen die laufenden Kosten finanziert werden können.

 

 

Kontakt

 

Weitere Informationen bei:

 

Rosemarie Griebel-Kruip                    Luz Elena Moctezuma

apl. Prof. Dr. Gerhard Kruip                    Antonio González

Birkenweg 10                                      Ex-Hacienda La Soledad s.n.,

Col. San Lorenzo

D-30974 Wennigsen (Deister)         Tacuatepec, Oaxaca (keine Postanschrift!)

Deutschland                              Mexiko

Tel. u. Fax: 00-49-5103-7668            Tel. u. Fax: 00-52-951-87616

e-mail: Gerhard.Kruip@t-online.de           e-mail: cactus21@prodigy.net.mx

 

Die Projektrundbriefe ab 1999 finden Sie auch auf:

http://home.t-online.de/home/Gerhard.Kruip/cactus.htm

 

 

Spendenkonto: 0100 466 181 bei der Sparda-Bank Köln, BLZ 370 605 90